UKG - Ein kleines rotes Büchlein
Ich komme aus Amerika, Texas, habe gut verdient und dann im Ruhestand beschlossen, mir auch mal die übrige Welt anzusehen. In Asien hatte ich spannende Begegnungen, Europa erschlug mich fast mit Geschichte, Baukunst und Kultur, aber am schärfsten ins Gedächtnis eingebrannt hat sich etwas, dass ich noch nicht einmal selbst erlebt habe.
Auf einer Tour durch irgendeine der unzähligen Wüsten in Afrika kamen wir an einem ziemlich heruntergekommenen Ort vorbei, um Pinkelpause zu machen. Ein Burg-ähnliches Gebäude, überhaupt nicht in diese Gegend passen, bröckelte vor sich hin. Die Lehmziegel waren von glühender Sonne und oft steifer Brise nicht mehr weit vom Aggregatzustand Sand entfernt. Dennoch strahlte die Ruine noch immer furchteinflößende Macht aus.
Unmittelbar daneben waren die Reste einer Löwenzucht-Station, wie ein verwittertes Schild wissen ließ. Zaunreste, Stall-Trümmer, ein Brunnenschacht ließen vergangene Funktionen erahnen. Und überall, seltsamerweise, Kleidungsreste, Fetzen nur noch. Als ich zum Wasserlassen in eine schattige Ecke kam, und gerade mit meinem Strahl den Boden befeuchten wollte, fiel mein Blick, durch einen sekundenlangen Sonnenstahl darauf gelenkt, auf ein kleines rotes Büchlein, halb in der Brusttasche eines Holzfällerhemdes steckend (oder das, was noch davon übrig war).
Ich zog es heraus, es war vielleicht 10 x 7 Zentimeter und einen halben Zentimeter dick, und steckte es ein. Dann verrichtete ich meine Verrichtung und ging zurück zu den anderen zu unserem Geländewagen.
Erst im Flieger auf dem Heimweg erinnerte ich mich meines Fundes und begann zu lesen. Auf den ersten Seiten waren Aufstellungen von Ausgaben, für Flüge, Hotel, Leihwagen, für diverse Lebensmittel und ein paar Gebrauchsgegenstände. Weiter ging es mit Kosten für Diesel und zwei Liter Motoröl. Alles mit akkurater Schrift sorgfältig notiert.
Dann, in gleicher Schrift, aber fahriger, war zu lesen:
Wir lernten uns erst später im Leben kennen, jeder von uns beide hatten eine unerfreuliche Ehe hinter sich, als wir uns Anfang der 1990er Jahre kennenlernten und recht schnell heirateten. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass wir keine Kinder zusammen haben können, beschlossen wir, anderen Kindern zu helfen. Wir beide hatten früher gerne die Sendungen von Prof. Grzimek im Fernsehen gesehen, waren fasziniert von Afrika und kamen so auf die Idee, Kindern auf dem schwarzen Kontinent (wie man es damals nannte) zu helfen. Nach einiger Sucherei (es gab ja damals noch kein Internet) fanden wir die "International African Education Organisation".
Wir fragten Einzelheiten an, erkundigten uns über die Mittelverwendung und fassten schließlich Vertrauen. Schnell war ein Dauerauftrag bei der Postbank eingerichtet (und im Laufe der Jahre immer wieder nach oben angepasst). Einmal im Jahr bekamen wir einen -meist eher langweiligen- Bericht, was mit unserem Geld und denen der anderen Spender alles geschafft worden war: Schulen gebaut, Brunnen gebohrt, Waisenkinder mit Lebensmitteln oder Schuluniformen versorgt, und einiges mehr.
Als wir dann älter wurden und aus unseren Berufen ausschieden, wollten wir reisen. Europa hatten wir schon während unserer Urlaube ziemlich gründlich erkundet, Australien war uns ein zu langer Flug, aber Afrika reizte uns. Wieder einmal. Und irgendwann schlich sich der Gedanke in unsere Köpfe, doch auch der "IAEO" einen Besuch abzustatten und einmal selbst zu schauen, was aus unserem Geld geworden ist.
Schon die Ankunft am dortigen Flughafen war ein Schock, drückende Hitze begleitete uns aus dem Flugzeug bis in das leicht vergammelte Ankunftsgebäude. Drückende Hitze auch bei der Gepäckausgabe auf rumpelnden Förderbändern, drückende Hitze beim Anstehen an der Passkontrolle, drückende Hitze am Zoll, bei dem wir jeden einzelnen Koffer auspacken mussten. Drückende Hitze dann in der (wahrscheinlich früher einmal mondän erscheinenden) Halle. Wir überlegten, ob dieser Ausflug vielleicht doch ein Fehler gewesen sein könnte.
Die drückende Hitze begleitete uns den Tag weiter. Im Taxi (TÜV war hier wohl Fremdwort, Taxameter auch), im Hotelzimmer, im Restaurant mit Speisen, die wir nur schwer einordnen konnten. Und doch begannen wir, diese andere, fremde Welt langsam zu genießen.
Am nächsten Tag dann ein Lichtblick, als der Autovermieter uns den Jeep brachte: Mit Klimaanlage!
Ich tat mich in der Stadt zuerst etwas schwer mit dem Linksverkehr, gewöhnte mich aber schnell daran. Länger brauchte ich, bis der ständige Gebrauch der Hupe mir in Fleisch und Blut übergegangen war. Auf dem freien Land war das Fahren überhaupt kein Problem, kaum ein oder zwei Autos begegneten uns an einem Tag.
Google-Maps ließ uns nach einigen Tagen im Stich (das hatten wir erwartet und waren mit einer Karte gut gerüstet), das Dachzelt war erstaunlich bequem und das Kochen auf dem Propangas-Kocher ging uns auch von Tag zu Tag leichter von der Hand.
Und so erreichten wir nach vier Tagen unser Ziel: Ein Gebäude wie eine mittelalterliche Burg (es fehlte allerdings die Zugbrücke) neben einem sehr weitläufigen, eingezäunten, nicht einsehbaren Areal.
Einschüchternd.
Und weit und breit nichts zu sehen von Einrichtungen für Kinder.
Nur ein leichter "Duft" von Tieren, wilden Tieren, wehte herüber.
Uns überkam ein gewisses Misstrauen. Und so etwas wie Furcht.
Dennoch gingen wir zu dem Portal des Gemäuers, kaum Fenster, wohl um die Hitze draußen zu halten? Wir klingelten – und warteten. Dann öffnete uns eine schwarze Schönheit, barbusig, vielleicht 17 oder 18 Jahre alt, schlank, auch sonst sehr leicht bekleidet. Es verschlug uns die Sprache und so vergaßen wir darüber erst einmal alles Misstrauen.
Das Mädchen führte uns in einen merkwürdigen Raum, weit im Inneren des Hauses: Fast quadratisch, vielleicht nur 3 x 3 Meter, aber gut 10 Meter hoch. Die Wände glatt und weiß, steril gestrichen. Keine Absätze, keine Muster, nur knapp unter der Decke gab es einen Art Altan.
Dort erschien nach einiger Zeit ein ziemlich alter weißer Mann. Was wir erkennen konnten, war ein zerfurchtes, missmutiges altes Gesicht. Umrahmt von längere, ungepflegten Haaren und einem mindestens 5-Tage Bart, beides eisgrau.
"Herzlich willkommen," tönte es aus diesem Gesicht, allerdings nicht freundlich, sondern hämisch, sarkastisch, "da haben es also wieder einmal ein paar ganz neugierige hierher geschafft!" und etwas, was wohl ein Lachen sein sollte, hallte zu uns herunter.
"Ihr Wagen wird gerade zurück in die Hauptstadt gefahren, für uns eine willkommene zusätzlich Einnahme. Denn unser Geschäft verschlingt Unsummen.
Ach, Sie denken, wir machen immer noch ’in Kindern’?
Nein, schon lange gingen mir diese Blagen auf den Keks. Löwen sind das Geschäft!
Und darum freuen wir uns immer, wenn neugierige Spender hierkommen – und von dem Anblick eines meiner Mädels so beeindruckt sind, dass sie arglos hereinkommen. Und dann hier landen. Wie Sie! Aber keine Sorge, sie werden nur drei Tage hier sein. Denn wenn Sie nach dieser Zeit verdurstet sein werden, geben Sie hervorragendes Löwenfutter ab!"
Sprachs, verließ den Altan und ward nicht wieder gesehen.
Wenn Sie diese Aufzeichnungen irgendwann finden, die ich in meinem kleinen Notizbuch niederschreibe, wird uns nicht mehr zu helfen sein. Aber bitte verständigen Sie die Behörden, denn diesem satanischen Treiben muss Einhalt geboten werden!
Versuchen Sie nicht, eigenmächtig zu handeln. Aus diesem Verließ gibt es kein Entkommen!