UKG - Puppen
Inspiriert von Frank Schätzing "Der Puppenspieler"
Speimanes und Koch waren wohl so etwas wie Freunde. Obwohl Speimanes eigentlich nur Freundschaft zu sich selbst empfand. Er war gebildet, gutaussehend und eloquent, er hatte Stil und Lebensart, er konnte Qualität ermessen. Und andere nicht. Glaubte er.
Leider konnte er überhaupt nicht mit Geld umgehen. Und so war er in seiner Wohnung -viel zu teuer, da in viel zu guter Wohnlage- von erlesenen Möbelstücken und einigen wirklich guten Kunstgegenständen umgeben. Dort trank er auch gerne eine Flasche aus seiner wirklich exquisiten Sammlung teurer und seltener Rotweine. Allerdings trank er immer alleine. Einerseits, weil niemand anders überhaupt in der Lage sein konnte, die Exklusivität dieser handwerklich hervorragend gemachten bacchantischen Kostbarkeiten zu ermessen, andererseits, weil er niemanden kannte, der mit ihm diese Gaumenfreuden geteilt hätte.
Nur mit Koch verband ihn so etwas wie kumpelhafte Solidarität. Was daran lag, dass Koch seine Attitüden wohl nicht bemerkte – oder diese ihn nicht interessierten. Und daran, dass Koch die Mehrzahl der Kölsch-Runden bezahlte. Kölsch war ja eigentlich unter der Würde von Speimanes, doch hier, im Brauhaus, ließ es sich gut aushalten. Besser, als oft alleine in seiner stilvollen, aber einsamen Wohnung.
Eines Tages war Koch verschwunden. Da Koch fast noch einsamer gewesen war und noch weniger Freunde hatte, wusste Speimanes auch nicht, wen er nach seinem Trinkkumpan fragen könnte. Aber das war auch nicht schlimm, denn eigentlich, so dachte er sich, war Koch doch weit unter seinem Niveau. Nach Wochen jedoch klingelte sein Telefon (was es selten tat) und -Überraschung- Koch meldete sich. Mit schwacher Stimme. Und bat um einen Besuch in seiner Wohnung, da er sich etwas von der Seele reden wollte. Und Speimanes sei doch wohl so etwas wie ein Freund. Und er hätte ja nun nicht mehr lange zu leben.
Etwas widerwillig klingelte Speimanes dann drei Tage später an der Haustür eines mäßig herunter gekommenen Mehrfamilienhauses, etwas außerhalb des Stadtzentrums. Ein Summen signalisierte Einlass, das Treppenaus roch nach vielem, das meiste unangenehm. In der obersten Etage wartete Koch – vor der einzigen Tür auf diesem Geschoss.
Duch einen langen, dunklen Flur, nur ausgestattet mit einer langen Reihe Bücherregale, kam man in ein riesiges Wohnzimmer mit wenige Möbeln – aber mit abertausenden von Puppen. Keine Puppen für kleine Mädchen, sondern Puppen für Puppenspieler: Stockpuppen, Handpuppen, Marionetten, Schattenfiguren und viele mehr.
Nachdem sie sich gesetzt hatten, schenkte Koch Whiskey ein, einen wirklich guten Tropfen aus den Highlands. Und begann zu erzählen. Er habe Krebs und nicht mehr lange zu leben. Aber er möchte nicht sterben, ohne von einer alten Schuld berichtet zu haben. Vor vielen, vielen Jahren, als er noch bei der Polizei arbeitete, habe er eine Verbrecherbande erpresst und sei so zu 10 Millionen Mark gekommen. Doch das Geld habe ihn nicht glücklich gemacht. Im Gegenteil, seine Gedanken kreisten fortan wieder darum, wie er nun sich selbst davor schützen könnte, dass ihm niemand das Geld wegnähme. Und wie er vermeiden könnte, dass jemand überhaupt merke, dass er das Geld -widerrechtlich- habe.
Diese Zweifel, diese Ängste haben ihn über die Jahre zu einem Eigenbrötler gemacht. Nur Speimanes, der seine Gedanken und sein Trachten nur auf sich selbst gerichtet hatte, war ihm ein Kumpan, mit dem er ab und zu einen Abend im Brauhaus verbringen konnte, ohne zu befürchten zu müssen, Aufmerksamkeit zu erregen- Zu allerletzt bei Speimanes.
Doch nun stehe der Tod mit seiner Sense vor der Tür und er, Koch, möchte reinen Tisch machen.
Es waren über die Erzählung bereits sechs Stunden ins Land gegangen – und die zweite Flasche des guten Whiskeys bereits zur Hälfte geleert, als Koch vorschlug, den neuen Tag in den Rheinauen zu begrußen. Keine Einwände Speimanes akzeptierend fuhren sie also mit Kochs mindestens 30 Jahre alten Daimler los, Koch fuhr erstaunlich sicher und zielstrebig. Nicht allzulang danach saßen sie am Fluss.
Ein Glas Whiskey folgte auf das andere und als die Morgenröte die Umgebung zu beleuchten begann fragte Speimanes sich -und gleich darauf Koch- ob er ihm wohl aus finanzieller Patsche helfen könne. Da er ja die 10 Millionen Mark aus Angst vor Entdeckung nicht ausgegeben – und angesichts des baldigen Todes auch nicht mehr benötigen würde. Koch sah das allerdings anders, ein Wort gab das andere und Koch beschloss zu gehen.
In Speimanes stieg eine unbändige Wut auf, er konnte nicht an sich halten und schlug dem weggehenden Koch von hinten mit der -nun fast leeren- Whiskey-Flasche auf den Kopf. Das überlebten weder die Flasche noch Koch.
Panik stieg auf in Speimanes! Hatte die Tat jemand gesehen? Brachten seine Fingerabdrücke in Kochs Wohnung die Polizei auf seine Spur? Wo waren die Millionen … ?
Diese letzte Frage ernüchterte auf der Stelle. Einige Hände voll Rheinwasser im Gesicht taten ein Übriges.
Der Kofferraum nahm den Leichnam Kochs fast liebevoll auf, die Fahrt zur Wohnung -nur nicht zu schnell, obwohl die Panik immer mit auf das Gaspedal drücken wollte- verlief ohne Zwischenfall, ein Parkplatz fast direkt vor der Haustür schien gerade auf ihn gewartet zu haben.
Geschwind stieg er die Treppen zur Penthouse-Wohnung hinauf und begann zu überlegen, wo diese Menge Geld versteckt sein könnte. Der Flur mit den Regalen! Aber nein, in keinem der Bücher waren Verstecke. Auch hinter den Regalen fand sich nicht außer jahrzehntealter. Das wellige Linoleum lag direkt auf uralten Holzdielen.
Wo dann? Speimanes durchsuchte alles, jeden Schrank, jede Kommode, sah hinter Betten nach, in Küchenschränken und im Revisionsschacht unter der Badewanne, klappte die Auslegware hoch und kontrollierte, ob die Dielen Hohlräume darunter verbargen. Nichts!
Dann – Gedankenblitz – die PUPPEN!
Jede einzelne Puppe wurde von der Wand genommen, rund herum betrachtet, die Bäuche aufgeschlitzt, Köpfe und Körper zerschlagen, Papier, Pergament und Pappe sorgfältig auseinandergerissen. Nichts. Nicht im Wohnzimmer, nichts bei den Puppen in den übrigen drei Zimmern, es müssten mindestens 100.000 Puppen gewesen sein. Vor Erschöpfung schlief er ein – und erwachte am Mittag inmitten einer Halde von zerfeztzten Puppenleichen.
Kein einziges Exemplar was unbeschädigt, aber nicht einen Geldschein hatte er gefunden. Doch vielleicht hatte Koch Aufzeichnungen gemacht? Rasch ging er die Unterlagen im Sekretär durch, Ordner für Ordner. In einem dünnen Hefter gab es ein paar Zeitungsausschnitte, aus der Lokalzeitung, aber auch von überregionalen Blättern – und sogar einige auf Englisch und -war das Japanisch?
Es wurde hier Kochs Puppensammlung beschrieben als die größte der Welt mit einmaligen, oft historischen Exemplaren. Die Sammlung habe wohl einen Wert von mindestens 20 Millionen Euro!