Ohne JavaScript funktioniert das nicht, bitte Scripte zulassen M. Koehn - UKG - Rotwein

UKG - Rotwein

Heinz und Elfriede kannten sich von Kindes­beinen an, waren zusammen im Kinder­garten, hatten die örtliche Volks­schule besucht und beide am Ort eine Lehre gemacht, Heinz als Schlosser, Elfriede als Schneiderin. Sie hatten sich in der Konfir­manden-Disko das erste Mal geküsst und als Heinz seine erste Lohn­tüte als Geselle bekam, hatte er bei ihren Eltern um die Hand von Elfriede angehalten.

Sie hatten immer davon geträumt, die Welt kennen zu lernen, fremde Länder zu bereisen. Doch das Geld reichte nur für eine Woche Harz oder Ostsee. Aber sie hatten ihren Traum, auf den sie eisern sparten. Und als Heinz, gut 10 Jahre vor seiner Rente, eines Tages mit einem guterhaltenen Ford-Transit auf den Hof des Mietshauses fuhr, bekam auch Elfriede feuchte Augen.

Von da an verging kaum ein Tag, kaum ein Wochen­ende, an dem sie nicht an ihrem "rollenden Zuhause" werkelten. Heinz war recht geschickt mit allem, was Metall und Holz betraf, hatte sich in der örtlichen Bücherei viele Anlei­tungen besorgt, um mit Elektrik und Wasser­tanks klarzukommen (sogar einige YouTube Videos hatte er sich dort ange­sehen). Und Elfriede nähte Bezüge für Kissen und Matratzen, Vorhänge für Fenster und erstellte Listen, was alles noch zu erledigen sein.

Und dann wurde Heinz von den Kollegen in den Ruhe­stand verab­schiedet, knapp drei Monate später legte Elfriede die Schneider­schere aus der Hand und der große Tag kam. Alles war einge­laden, sogar ein paar Flaschen Dorn­felder halb­trocken vom Discounter für besondere Anlässe. Die Warte­zeit und die Aufregung beim Befahren des Auto-Reisezug und die Fahrt nach Öster­reich lagen hinter ihnen, eine ganze neue Welt lag vor Ihnen!

Die erste Nacht sollte etwas Besonderes sein. Darum suchten sie sich, abseits der Straßen, ein kleines Seiten­tal, kein offi­zieller Weg, sondern wohl mehr ein Schmelz­wasser-Wadi. Unter einem Fels­vorsprung parkte Heinz das Gefährt und setzte sich mit einem Bier in den Schatten, Elfriede machte sich an die Vorbe­reitung des Abend­essens.

Es wurde ein gelungener Abend, die erste Flache Rotwein wurde geleert (Elfriede bevorzugte eigentlich eher lieblichen Wein, doch Heinz zuliebe hatte sie einige Schlucke des halb­trockenen genippt. So dass Heinz fast die ganze Flache allein trank (was seinem Plan für "eheliche Pflichten" nicht guttat) Zwar hatte er Elfriede beim Kochen auf den Nacken geküsst und ihren -nicht mehr ganz so knackigen- Hintern getätschelt, doch der Alkohol tat seien Wirkung und beide schliefen bald ein.

Der Feld­über­hang löste sich um kurz nach 23 Uhr und fiel punkt­genau auf den umge­bauten Transit. Mehr als 19 Tonnen Fels begruben Heinz, Elfriede und ihre Träume unter sich. Gefunden wurden sie erst fast drei Monate später, die Identi­fizierung gelang nur anhand des Nummern­schildes. Lediglich eine Flasche Dorn­felder halb­trocken hatte die Kata­strophe schadlos über­standen.